Von realen und virtuellen Toden

Ich beginne das Schreiben dieses Artikels unter dem Titel „Von realen und virtuellen Toden“ und bin selbst geFreidhofspannt, unter welchem Titel ihr später diese Zeilen in meinem Blog lesen werdet.

Inspiriert wurde ich zu den folgenden Gedanken, als ich heute einen Blick in meinen Mail-Eingang warf und dort eine Nachricht von „Stayfriends“ vorfand: „Oliver, schicken Sie eine Grußkarte an Birgit“

Kurz nach meinem 13. Geburtstag verstarb im Jahr 1984 mein Vater. Als mich knapp ein halbes Jahr später jemand auf der Straße ansprach und fragte „was denn mit meinem Vater sei, der sei so lange nicht mehr beim sonntäglichen Frühschoppen gewesen“, traf mich das wie ein Faustschlag ins Gesicht. In dem Alter war ich sowohl mit dem Tod als auch mit dieser nicht erwarteten Konfrontation damit komplett überfordert.

Heute mit 43 geht man zwar sicherlich anders mit dem Tod als auch mit einer Erinnerung daran um, aber dennoch schluckt man erst einmal, wenn man ungeahnt die Aufforderung bekommt, einem lieben Menschen, der vor wenigen Monaten viel zu früh gegangen ist, eine Grußkarte zu senden!

Das obige Beispiel mit dem Bekannten meines Vaters kann sicherlich auch heute noch so passieren. Es ist vielleicht ein Ausdruck dafür, dass man selbst beim Benachrichtigen und Versenden von Trauerkarten doch nicht immer den kompletten Bekanntenkreis des Verstorbenen erreicht.

Die heutige Email von Stayfriends zeigt mir aber eine andere Dimension, die durch die Entwicklung der Online-Portal und sozialen Netzwerke entstanden ist: Unser reales Leben endet durch den Tod – in Birgits Fall viel zu früh und unerwartet. Unser virtuelles Leben bekommt davon vielleicht gar nichts mit!

Mir kommen dabei sofort ein paar Fragen:

  • Wissen bei Euch die Angehörigen/Partner, in welchen Sozialen Medien ihr ein Profil habt?
  • Haben bei Euch die Angehörigen/Partner die Zugangsdaten, um solche Profile zu editieren/zu schließen?

Und beim weiteren Nachdenken über die eigene Person schließen sich gleich die nächsten Fragen an:

  • Was will ich nach meinem eigenen Tod eigentlich noch von mir in der virtuellen Welt existieren lassen/hinterlassen?
  • Welche Profile will ich auf jeden Fall gelöscht haben?
  • Will ich dieses Blog für Freunde hinterlassen, falls noch jemand über mich kommunizieren will?

Die letzten drei Fragen implizieren für mich, dass man solche Themen letztlich wahrscheinlich sogar ins eigene Testament aufnehmen sollte, zumindest aber eine Liste mit allen wichtigen Zugängen in den Unterlagen vorhalten müsste, damit die Familie hinter einem auch das virtuelle Leben beenden kann.

Weder ich noch Su – mit der ich gerade über dieses Thema philosophiere – haben abschließende Antworten auf diese Fragen. Mich würde brennend interessieren, was ihr über das Thema denkt und ob ihr Euch vielleicht selbst schon einmal mit den Fragen auseinandergesetzt habt.

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