ROME im Nachtleben Frankfurt 08.03.2018

Heute gibt’s mal einen Gastbeitrag von mir (Su). Viel Freude beim Lesen!

Es gibt sie, die kleinen Perlen in der Musikszene, auf die man sich freut, weil sie einfach was so Besonderes sind. Sie sind andersartig, intellektuell herausfordernd und emotional berührend zugleich. Es braucht seine Zeit, sich auf deren Welt einzulassen, aber ist man einmal diesen Weg gegangen, kommt man nicht mehr davon los.
ROME ist so eine Perle und anders als bei anderen Bands, nutzt sich die Musik nicht ab, je öfter man sie hört. Entsprechend groß war daher die Freude, als ich las, dass ROME auf ein Konzert ins Frankfurter Nachtleben kommen und dabei ihr neues Album „Hall of Thatch“ präsentieren. Ein neues Album und live – ich war gespannt.

ROME bzw. Jérôme Reuter musikalisch zu verorten, ist gar nicht so einfach und ich schreibe das deshalb, weil mir die Frage im Vorfeld tatsächlich ein paar Mal begegnete und ich keine klare Antwort hatte. Im großen Sammelbecken der Gothic-Szene, tummeln sich Stilrichtungen aller Couleur und man ist versucht, es erstmal mit einer dieser Schablonen zu versuchen. Man denkt an Neo-Folk, aber merkt schnell, dass das nicht passt. Ein „Mann und seine Gitarre“, wie ich es einst in einer Rezension las, ist zwar stark vereinfacht und greift nicht im geringsten weit genug, aber es ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man sich wenigstens gesichert einigen kann. Denn da ist noch mehr, da sind Anleihen aus dem Industrial, Chanson, es geht düster zu, tiefgründig und einfühlsam.

Eben weil ROME praktisch alles im Unklaren lassen und auch kein plumpes politisches Statement für die Einordnung liefern, ist man schon fast gezwungen, sich näher damit auseinanderzusetzen. Einmal angefixt blättert man gedanklich in einem schier endlosen Katalog aus Chiffren, Symbolen und Andeutungen und denkt man, man hat endlich eine davon aufgelöst, wartet gleich die nächste Anspielung auf einen. Es ist genau dieses Spiel, das einen sich damit beschäftigen lässt und ehe man sich versieht, hat man eine gedankliche Reise durch Europas Geschichte und Kultur oder mehr angetreten. Man ahnt, dass man mit ROME einen vielschichtigen Künstler vor sich hat.

Das Konzert

Am 8.3.2018 war es dann also soweit, ROME traten im Frankfurter Nachtleben auf. Der Club bietet für schätzungsweise 60 Leute Platz, gekommen waren so etwa 40-50. Uns fiel die große Bandbreite der Besucher auf, sofern man dies an Äußerlichkeiten wie Kleidung überhaupt festmachen kann. Vom Metalshirt bis zum Anzug war alles vertreten. ROME passen nunmal nicht in die eine Schublade.

Die Bühnendeko war im fernöstlichen Stil gehalten und kennt man, so wie ich am Konzertabend, das aktuelle Album noch nicht (Asche auf mein Haupt^^), fragt man sich unweigerlich, wohin uns die Reise nun führen wird. Man war schon gedanklich in Rhodesien und kämpfte Seite an Seite im Untergrund Europas und so war mein erster Gedanke, dass es diesmal – stark verklausuliert natürlich – vielleicht um die politische Situation in China gehen könnte. Weit gefehlt und die Antwort war letztlich sehr überraschend. Ein Blick ins Booklet der vor Ort gekauften „Hall of Thatch“ verriet mir später, dass es Vietnams Klöster sind, wohin uns das Album und damit das Konzert diesmal schicken würden.
Mönchsgesänge läuteten den Beginn des Konzerts ein und drei etwas schüchtern wirkende Musiker betraten die Bühne. Dann stürzten sich ROME gleich in ihre Musik, als wäre sie der Anker, der ihnen selbst die Aufregung nimmt.
Es wurden neue wie alte Stücke gespielt, auch ein ganz neues Stück, das als „Das ist so neu, das können wir selbst noch nicht so gut“ angekündigt wurde. Natürlich war die Warnung unnötig, zumindest uns fiel kein Schnitzer, keine Unsicherheit auf. Mal sehen, ob es seinen Weg auf irgendeine Platte oder B-Seite findet, mir hat es jedenfalls sehr gut gefallen und auch das Publikum schien begeistert.
Natürlich viel zu früh war das Konzert vorbei, wie es immer zu früh ist, wenn man eine schöne Zeit hat. Obwohl Jérôme Reuter schon zu einem zaghaften „Es ist unter der Woche, ich meine, müsst ihr nicht mal nach Hause?“ ansetzte, hielt das das Publikum nicht davon ab, weitere Zugaben zu fordern, und so spielte die Band insgesamt 5 weitere Lieder. Danke an dieser Stelle, denn auch eines meiner Lieblinge „Skirmishes to Diotima“ war dabei. Jérôme Reuter bedankte sich beim Licht, beim Ton, bei seinem Bassisten, seinem Schlagzeuger und mehrfach beim Merchandise. Und das hatte sowas Aufrichtiges in sich und hinterließ einen sympathischen Eindruck. Es war ein insgesamt gelungener Abend und ROME hat mich live noch mehr beeindruckt, als ich es erwartet hatte.

Das Album

„Hall of Thatch“ ist definitiv anders, als die Vorgängeralben. Während zuvor immer irgendwie aus sicherer Distanz eine Geschichte erzählt wurde, der man folgen konnte oder eben nicht, schlagen einem hier ziemlich ungefiltert die finstersten Emotionen entgegen. Als mit dem ersten Lied „Blighter“ Ende letztes Jahres das Album angekündigt wurde, wurde diese neue Richtung recht schnell deutlich. Irgendwie rauer, düsterer, aber auch irgendwie zornig, als gäbe es da dringend etwas zu verarbeiten.
Und das spürt man praktisch in jeder Zeile, man kann die Dämonen, die Jérôme Reuter umtreiben, förmlich an jeder Ecke lauern sehen. Es ist diesmal nicht die Geschichte einer literarischen Figur oder eines Landes, es ist seine ganz eigene Reise. Da ist nichts mehr von der oftmals verträumten Stimme der früheren Alben, diese Stimme hier wirkt verletzlicher und echter.
Untermalt wird diese mit denselben Mönchsgesängen, die wir schon auf dem Konzert gehört haben. Laut Booklet sind diese Aufnahmen auf seinen Reisen in vietnamesische Klöster in den Jahren 2014 und 2015 entstanden und bilden praktisch den Rahmen der Lieder. Diese sind ziemlich offensichtlich irgendwie thematisch miteinander verknüpft und auch ein Rückgriff auf „Fester“ scheint hier nicht unwahrscheinlich.
Manche wirken selbst wie Gebetsgesänge („Prayer“, Clemency““), manche sind fast ein bisschen gruselig („Hunter“) und das sehr sperrige „Martyr“ lässt einen erstmal doch recht ratlos und geschockt zurück. Es hat ungefähr so viel mit dem bisherigen Schaffen ROMEs zu tun, wie der „Fisch mit dem Fliegen“ 😉 Das Lied will aber gar nicht irgendwie gefallen – es will einfach nur sauer sein. Klar, das ist kein Lied, das man mal eben rauspickt, um es gezielt zu hören, aber jetzt ist es nunmal Bestandteil des Albums und erfüllt dort, in der Mitte, auch seinen Sinn. Es wirkt wie ein Bruch – davor sowas wie eine Bestandsaufnahme, danach der schmerzvolle Weg zu sich selbst.

Es wird noch eine Weile dauern, bis ich das Album vollkommen begriffen habe – aber genau darum geht es ja bei ROME. Die einfachen Botschaften, das Offensichtliche – nicht mit ROME. Und so werde ich noch einige Zeit brauchen, die versteckten Sinnbilder zu entschlüsseln. Gut möglich, dass ich dann noch mehr zum Album schreibe, aber zuerst muss ich meine Sprache wiederfinden 😉

Tracklist
1. Blighter
2. Nurser
3. Hunter
4. Slaver
5. Martyr
6. Hawker
7. Prayer
8. Keeper
9. Clemency

Die Provokation

Nunquam retrorsum, semper prorsum
Wie eingangs erwähnt, stößt man beim Hören oft auf Symbole, und manche lösen in einem erstmal Fragezeichen oder gar Unwohlsein aus. Nun standen wir am Konzertabend vor dem Merchandise und rätselten doch etwas über diverse T-Shirtaufdrucke. „Nunquam retrorsum, semper prorsum“ stand da und meine noch vorhandenen Lateinkenntnisse spuckten irgendwas mit „niemals zurück, immer vorwärts“ aus. Als Kinder des 21. Jhd. zückten wir unsere Smartphones und fragten Google um Rat. Ein Wahlspruch der Welfen also, aha. Na gut, aber da war doch noch was mit Ernst Jünger. Er hat diesen Ausdruck in seinem autobiografischen Werk „In Stahlgewittern“ verwendet – „In Stahlgewittern“ klingt erstmal nicht so nett und warum hier? Warum finden wir den Ausspruch jetzt hier wieder, was hat das mit ROME zu tun? Nun, man kann ihn einfach so für sich stehen lassen – und da erfüllt er durchaus seinen Sinn – oder man tut das, was man immer tut: man gräbt tiefer.
Mich ließ das nicht mehr los und statt nach dem Konzert zu schlafen, las ich eine kurze Biographie Ernst Jüngers, stieg tiefer ein in die Thematik, versuchte, den Mensch Ernst Jünger zu verstehen.
Ich will darauf jetzt gar nicht weiter gehen (interessante Biographie!), aber es ist das passiert, was so typisch ist: Mit ROME tun sich ungeahnte Welten auf.

„Wir haben das Recht
Nein, wir haben die Pflicht
Die Dinge zusammenprallen zu lassen
Um die Funken zu schlagen
Die uns die Nacht erhellen“

 

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